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PLÄDOYER FÜR EUROPA

Mal eine andere Sicht auf die heutige Krise in Europa. Von Javier Cercas, Journalist und Professor für spanische Literatur an der Universität Girona.

Verwendung mit freundlicher Genehmigung vom  Author und der FAZ (Erschienen am 1.Juli 2012 in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung)

 

Cercas

Die Walküre

Javier Cercas, Spanien   

 

Irgendwie habe ich die Befürchtung, dass Angela Merkel Gefahr läuft, die Schurkin vom Dienst zu werden, besonders im Süden Europas: Sie ist die Vorkämpferin der Sparsamkeit, die Hüterin der Inflation, eine unbarmherzige Walküre mit dem Auftrag, uns südliche Länder für die Sünden bezahlen zu lassen, die wir all die Jahre hindurch begangen haben. Die ökonomischen Bedingungen, die sie uns dabei aufzwingt, sind unerfüllbar und bringen Gefühle des Grolls und der Demütigung hervor, vergleichbar jenen, die in Deutschland durch die von den Siegermächten des Ersten Weltkriegs diktierte Wirtschaftsordnung hervorgerufen wurden. Das, so meine ich, ist das Merkel-Bild, das sich im Augenblick durchzusetzen droht; ob es zutreffend ist oder nicht, darüber will ich nicht rechten. Denn es gibt etwas, was mir noch größere Sorgen bereitet.

Mir macht Sorge, dass die Zukunft Europas auf dem Spiel steht, dass Angela Merkel diese Zukunft in Händen hält und manchmal den Eindruck erweckt, als sei ihr nicht ganz klar, was das heißt. Sagen wir es geradeheraus: Das vereinigte Europa ist die einzige vernünftige Utopie, die wir Europäer je ersonnen haben. An scheußlichen politischen Utopien - Paradiesen in der Theorie, die die Praxis in Höllen verwandelte - haben wir so manche erfunden; doch an vernünftigen politischen Utopien meines Wissens nur diese eine. Lassen wir einmal die offensichtliche Tatsache beiseite, dass nur ein vereinigtes Europa die Chance hat, in der Welt irgendetwas darzustellen, eine Kultur und politische Verfasstheit zu bewahren, die besser als jede andere ein Gleichgewicht zwischen Freiheit, Gleichheit und sozialer Gerechtigkeit herzustellen vermag. Das ist es, was bei dieser Krise im Kern zur Debatte steht: ob unsere Nachkommen einmal wie Europäer leben können - oder ob sie schuften müssen wie die Tiere.

Betrachten wir etwas noch viel Offensichtlicheres, was wir aber leicht vergessen, nämlich, dass der europäische Sport par excellence nicht Fußball heißt, sondern Krieg. Das letzte Jahrtausend hindurch haben wir Europäer uns gegenseitig umgebracht, ohne uns auch nur einen einzigen Monat Pause zu gönnen, und auf alle möglichen Weisen: in hundertjährigen Kriegen, in dreißigjährigen Kriegen, in Bürgerkriegen oder Religionskriegen oder ethnisch motivierten Kriegen oder in Weltkriegen, die eigentlich und in Wahrheit europäische Kriege waren. Einige vernünftige Leute fanden nach dem unübertroffenen Gemetzel des letzten großen europäischen Krieges, es sei genug. Mit dem Ergebnis, dass wir die ersten Europäer sind, die keinen Krieg oder zumindest keinen Krieg unter europäischen Mächten mehr kennen.

Natürlich glauben manche, ein neuer Krieg in Europa sei inzwischen unmöglich. Ich glaube das nicht: Das Außergewöhnliche in Europa ist nicht der Krieg, sondern der Frieden. Es reicht schon, dass Probleme auftreten wie jetzt, und schon blüht wieder der Nationalismus auf, der stets die Hauptursache aller europäischen Kriege war. Schon allein, um mit alldem Schluss zu machen, lohnt sich ein vereinigtes Europa.

Glaubt Angela Merkel das auch? Ist sie sich der enormen Verantwortung bewusst, die Deutschland für die Errichtung Europas hat und für die sich alle Opfer - von Deutschen und Nichtdeutschen - lohnen? Es besteht kein Zweifel, dass viele deutsche Politiker - etwa Helmut Kohl und Hans-Dietrich Genscher, um nur diese beiden zu nennen - sich dessen bewusst waren. Ist Angela Merkel es auch?

Übersetzt von Paul Ingendaay

Der spanische Schriftsteller Javier Cercas, geboren 1961, veröffentlichte zuletzt „Anatomie eines Augenblicks“ (S. Fischer).