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Im Juli 2012 unternahm eine Gruppe kulturhistorisch interessierter Birzaier Bürger unter Leitung der stellvertetenden Leiterin des Sela Museums Edita Lansbergienė und des wissenschaftlichen Mitarbeiters Antanas Seibutis, eine Rundreise zu Herrenhäusern der Familie Komorowski in die Umgebung von Birzai (Aukstaitija, Nordost Litauen).

Von Raimundas Binkis.

 

KOMOROWSKIS ERBE IM BIRZAIER GEBIET

 

 

14. Juli, Samstag. Ein schöner Tag für ein Stück Wanderung in der Umgebung von Birzai, besonders wenn man mit einem Bus unterwegs ist und sich so auf das, was man sieht, konzentrieren kann. Auch eine nette Gruppe von Gleichgesinnten mit zwei noch netteren Reiseführern Edita und Antanas (Seibutis, wissenschaftlicher Mitarbeiter im Sela Museum Birzai). Diese Frage - was wird zu sehen sein  – hielt mich auf dem Weg in einer Art der angenehmen Spannung.

Das Thema der Reise war: „ Die Herrenhäuser von Komorowskis in der Umgebung von Papilys“. Die Familie Komorowski besassen im Zeitraum etwa ab dem 19. Jahrhundert bis zum II. Weltkrieg vier Herrenhäuser: Roviskio, Parovejos, Gikoniu und Skrebiskio. Übrigens, der gegenwärtige Präsident Polens, Bronislaw Komorovski, stammt auch von hier ab: der Vater des Präsidenten war in einem Herrenhaus im neben Birzai liegenden Rokiskis-Gebiet geboren, wo seine Eltern aus alten Zeiten lebten; der Präsident wurde aber schon in Polen nach dem II. Weltkrieg geboren.

 

Zunächst einmal - ein Herrenhaus in Papilys, das von den Adligen Radvilos (Radziwillen) gegründet wurde. Sie  hielten das Haus und das Land etwa im 16-17 Jahrhunderte, danach wurde das Herrenhaus von der die Familie Koscialkovskis gekauft und etwa im Jahr 1870 – von dem Franzosen Alexander Choiseul-Gouffier. Aus Radvilos Zeiten bleibt bis zum heutigen Tag nur noch einige Ruinen. Aber während des 19. Jahrhunderts blieben die Gebäude in relativ gutem Zustand. Gräfin de Shoiseul initiierte den Bau der örtlichen katholischen Kirche vor dem II. Weltkrieg, indem sie den Hauptaltar für die Kirche kaufte und so ist ihr Name auf den Altar zu sehen (man kann die Erinnerungstafel in Französisch darauf lesen).

 

papilio dvaras litauen

Herrenhaus in Papilys in ganz ausreichendem Zustand. In der Sowjetzeit war hier eine Schule

 

Die obengenannten Koscialkovskis gründeten auch das nächste von uns besuchte Herrenhaus im Dorf Krastai, etwa 5 km von Papilys entfernt. Danach ging das Herrenhaus zu einem Herrn Grintelis (was in etwa Grünthal auf Deutsch heisst; es scheint, er war ein Deutscher aus dem damaligen Kurland). Man kann immer noch das hölzerne Haus, wo die Herren lebten sehen, auch gibt es eine Reihe von steinernen Wirtschaftsgebäuden auf dem Land des Gutsbesitzes. Sie sind langlebig – ich selber lebte mal in meiner Kindheit nebenan. Viele Dinge sind jetzt schon anders, nur die alten Bäume und die alten steinigen Gebäude bleiben dieselben für meine Augen... In der Sowjetzeit wurde der Herrenhauskomplex als Zentrum einer sowjetischen Sowchose (Landwirtschaftlicher Großbetrieb in Staatsbesitz) verwendet.

 

 

 krastu dvaras litauen

In dieser ehemaligen Schmiede verknüpft sich die Vergangenheit und Gegenwart Litauens sehr typisch: Basketballspiele an der Mauer aus dem 19. Jahrhundert :)

 

 

 krastu dvaras litauen birzai

Die immer noch schön aussehenden Ruinen des wirtschaftlichen Gebäudes

 

 krastu dvaras litauen

 Typisch  deutsches Denken? Das Haus war nur aus Holz, nicht aus Stein wie die Wirtschaftsgebäude

 

Nach weiteren drei Kilometern stehen wir schon  vor dem Skrebiskis Herrenhaus. Auch hier herrschten die Komorowskis. Leider steht zurzeit das ehemals sehr schöne Haus vernachlässigt und unbenutzt da. Die nebenliegenden Farmen werden von einem Kleinunternehmer für Geschäfte benutzt; der Unternehmer scheint aber ganz arrogant zu sein und will unsere Busse nicht über seinem Weg fahren lassen - er wahrt anscheinend die geschichtliche Kontinuität der Gutsbesitzer :-).

Ich erinnere mich noch an die Geschichten meiner Großmutter über das Leben im Herrenhaus vor dem Krieg (meine Oma lebte zwei Kilometer davon entfernt, und  arbeitete manchmals dort als Schneiderin), über die liebe junge Gutsfrau Irena Kamarauskaite (die Variante ihres Familienamens, Komorowski, auf Litauisch). Das Gutshaus sollte einmal vom Grafen Zaborski aus Rokiskis Besuch bekommen. Da Zaborski mit seinem PKW anreiste, kam es zu einem großen Menschenauflauf, weil viele einfache Menschen das Auto sehen wollten.

 

 

 skrebiskio dvaras litauen

 Das ehemals schöne Herrenhaus enthält leider nur noch  die Wände...

 

Das folgende Ziel – die Siedlung Roviskis nebenbei dem Dorf Kvetkai. Das vorige Herrenhaus gehörte den Komorowskis im 18. Jahrhundert, danach wechselte es mehrfach den Eigentümer. In einem der noch stehenden Gemäuer lebt die für ihr Alter sehr fitte Frau Leokadija. Sie erzählt uns eine lustige Geschichte über das Leben hier in alten Zeiten, über das Schicksal der Menschen die hier lebten,  z.B. wie hier mal „Geguzines“ (etwa Volksfeste mit Tänzen in den Mai) veranstaltet wurden.

 

 roviskio dvaras litauen

Das Herrenhaus in Roviskis aus Stein überlebte gute, aber auch schlechte Zeiten – vielleicht auch deshalb, weil es in einem abgelegenen Ort steht

 

Den nächsten Ort den wir besuchten – das Herrenhaus in Gikonys, ganz nahe an der Grenze zu Lettland. Leider blieben nur Fragmente von Nebengebäuden, die sind in sowjetzeitigen Scheunenwänden integriert und  überlebten so. Ganz grausam und merkwürdig. Geblieben sind auch (wie an den anderen Stellen) Parks. Ihre Bäume und Alleen sind immer noch klar zu sehen. Frau Joana erzählt uns Ausflüglern eine typische Geschichte aus der Kriegszeit in Litauen: ihr Vater kaufte vor dem zweiten Weltkrieg dieses Haus von den Komarowskis, nachdem er in den USA das Geld dazu verdient hatte. Aber ihr Vater wollte nicht vor dem Krieg nach Amerika zurückziehen, so nahm er das Schicksal an, nach Sibirien fahren zu müssen, davon er leider nicht zurückkam... Die Leute die während der sowjetischen Periode in dem Herrenhaus lebten waren augensichtlich keine guten Wirte, denn durch ein Feuer brannte das Herrenhaus voll ab.

 

 roviskio dvaras litauen

 Halb sowjetische Scheune, halb Herrenhaus

 

Dann führte uns unsere Exkursion noch zu einer Kirche im nebenbeiliegenden Dorf Kvetkai. Die Kirche wurde im Jahr 1772 von dem damaligen Besitzer des (obengenannten) Roviskis Herrenhaus Pranciskus Komorowski gebaut (gegründet natürlich; die Leibeigenen arbeiteten am Bau :) ). Die Kirche ist hölzern, mit barocker Architektur. Der lokale Priester Virgilijus erzählt uns gern über die Kirche, ihre Geschichte und führt uns hinein. Dann folgte eine ausführliche Erzählung über die Inneneinrichtung.

 

 kvetku baznycia litauen

Holzendes Barock aus 18. Jahrhundert immer noch steht stolz

 

Auch führt uns Virgilijus zu seiner zweiten Kirche wo er seine Dienste ausübt – nämlich die katholische Kirche in Papilys, und so endet unsere (ausgezeichnete) Reise gerade dort wo sie losgegangen war – im Dorf Papilys  (oder eher schon in einem kleinen Städtchen mit sogar zwei Kirchen, katholisch und protestantisch).

 

 papilio baznycia litauen

Die Spitze des Turms der Kirche in Papilys wurde im II. Weltkrieg fast zerstört wegen dem dort sitzenden Aufklärers, danach wiedergebaut.

 

 

 papilio baznycia litauen

Von Gräfin de Shoiseul gestifteter  Hauptaltar der Kirche

 

Der Weg selber: Asphalt von Birzai bis Papilys, und dann meistens lokale Schotterstraßen. Aber mit dem Durchgehen keine Probleme.

Entfernung: Rundreise von Papilys bis Papilys etwa 50 Kilometer.

Zeit: etwa 6 Stunden.

 

Zusammengestellt von Raimundas Binkis

Birzai.

Juli 2012.

 

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